Gott nur genügt.

Gott nur genügt.

Gott nur genügt.

(durch Teresa von Ávila überliefert)

Als Teresa von Ávila starb, fand man in ihrem Brevier ein kleines, dreimal dreizeiliges Gedicht, das mit den Worten endet: „Sólo Dios basta – Gott nur genügt.“ Dieses Gedicht wird nach Meinung fast aller Experten zweifellos Teresa zugeschrieben.

Nichts soll dich verstören,
nichts dich erschrecken,
alles vergeht,
 
Gott ändert sich nicht.
Geduld
erlangt alles;
 
wer Gott hat,
dem fehlt nichts:
Gott nur genügt.

Der poetische vollendete Stil und der geistliche Grundgedanke sprechen ohne Weiteres für Teresa als Verfasserin, in deren Schriften oft das Wortpaar “Nada – Nichts” und “Todo – Alles” vorkommt. Für Teresa als Verfasserin sprechen auch die ganze Tradition und die Tatsache, dass alle spanischen Editoren ihrer Schriften dieses Gedicht in ihre Ausgaben aufgenommen haben, während es bisher niemand zusammen mit den Schriften des Johannes vom Kreuz ediert hat.

Mit dem Text leben

Man kann diesen Text eigentlich nicht „erklä­ren“; er erschließt sich erst, wenn man es wie Teresa macht: wenn man mit ihm lebt. Für sie wurden diese Zeilen im Brevier zu einem „Kern­wort“. Sie hat sich damit Mut gemacht, hat sich daran in Erinnerung gerufen, woher sie die Kraft bekommt, ihren Weg zu suchen und zu gehen. Sie hat sich dadurch daran erinnert, was man gerade dann “vergessen hat, wenn man es braucht: dass Gott da ist, dass er den Weg weiß, wo ich keinen mehr sehe, dass er Atem hat, wo mir der Atem ausgeht, dass er der Meister ist, ich (nur) der Jünger, dass die Welt, selbst wenn sie aus den Angeln fiele, nicht aus seinen Händen fallen kann …“

Genügt nur Gott?

Unglücklicherweise wurde die letzte, die am bekanntesten gewordene Zeile im Deutschen mit „Gott allein genügt“ übersetzt. Häufig ver­stand man dieses Kernwort der karmelitani­schen Spiritualität dann so, als brauche der Mensch nur Gott, nichts weiter, oder gar als habe er sich allein um Gott zu sorgen und den Blick von allem Menschlichem und Geschöpfli­chem abzuwenden. Das „solo“ ist adverbial, nicht adjektivisch zu lesen. Es meint: erst Gott reicht aus, um wirklich Erfüllung zu schenken; hätte ich alles, was das Leben bieten kann, aber die Gemeinschaft mit Gott nicht – es wäre alles flach, leer, ungenügend, wie ein „Nichts“. Ge­rade die hier gemeinte Erkenntnis, dass erst Gott – also „Gott nur“ – dem Menschen entspricht, gibt allem Sinn und Wert, Tiefe und Größe: Die Liebe dieses Gottes und das Leben mit ihm ver­leihen den Dingen Schönheit, dem Nächsten Größe, der Freundschaft und Partnerschaft Tiefe und ewige Endlosigkeit …