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Osterbrief 2021 für Schwestern im Karmel

Liebe Schwestern!

Seit dem 5. Fastensonntag, früher Passionssonntag genannt, steht diese schöne Figur in unserem Betchor, wo wir das Offizium beten und auch morgens und abends unsere Betrachtung halten. Es handelt sich um eine Christus in der Rast oder Christus im Elend genannte Darstellungsform des Ecce homo, bei der Christus sitzend (wie auf unse-rem Bild oft als Klagegeste einen Arm auf dem Oberschenkel aufstützend) dargestellt wird. Sei-nen Ursprung hat diese Darstellungsform am Ende des 14. Jahrhunderts, als früheste bekannte Dar-stellung gilt eine Hans Witten zugeschriebene Plas-tik im Braunschweiger Dom aus dieser Zeit. Das typologische Vorbild ist die Darstellung des trau-ernden Ijob, der sein Schicksal beklagt.
Worüber hat Jesus wohl geklagt? Was ging ihm bei seiner Rast wohl alles durch den Kopf?
Schnell sind wir mit unseren gut gelernten theolo-gischen Antworten zur Hand, dass er – der unend-liche Gott-Mensch – dem unendlich beleidigten Vater Abbitte leisten müsse für Adams Sünde des Hochmuts und für alle Sünden der ganzen Menschheit, damit so eine maßlose Schuld mit einem unermesslichen Leid bezahlt würde. Ich kann mich noch gut an solche Aussagen erinnern, die ich in meiner Jugend in den zahlreichen Kreuzwegandachten beten musste. Damals war ich noch zu unkritisch, um das dahinter stehende Got-tesbild zu hinterfragen. Inzwischen weiß ich, dass Gott kein blutrünstiger Despot ist, aber auch dass sich Jesu Lebensaufgabe nicht auf seine Passion, seinen Tod und seine Auferstehung reduzieren lässt, wie es im Glaubensbekenntnis suggeriert wird: geboren, gelitten, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen, wieder auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel, von wo er kommen wird zum Gericht. Bei dieser Zusam-menfassung der Ereignisse des Lebens Jesu wird sein konkretes alltägliches Leben von immerhin 33 Jahren ausgeblendet und seine Existenz wird auf die letzten drei Tage reduziert und auf das Sühne-leiden fokussiert. Doch bedenken wir: Ein Mord erlöst nicht, sondern macht alles noch schlimmer. Jesus, der für seine Liebe Gekreuzigte und hinge-mordete Prophet erweist sich als souveräner Pro-vokateur verhärteter Herzen, denn er lehrt uns auf Schritt und Tritt, dass Gott das Vergeben im Sinn hat und von uns Einsicht und Barmherzigkeit wünscht, nicht Verurteilen und Buchstaben-Glauben.

Ich könnte mir denken, dass Jesus bei seiner Rast über all das nachgedacht hat und über sein Leben unter und mit den Menschen, über seine Solidari-tät und eine andere Gerechtigkeit, über seine Liebe zu allen Menschen, über die Sündermähler mit den Zöllnern und Sünder(inne)n, über die Geduld mit seinen Jüngern, die trotz aller Unterweisung in Wort und Tat nicht verstanden hatten, dass es bei ihm nicht um Herrschen und Ehrenplätze geht, sondern um Dienen; über seine zeitlos gültigen Bilder und Gleichnisse; über seine Träume, dass die Menschen sich mehr der Güte hingeben sollten als den Gütern, mehr der Gerechtigkeit als dem Rechten und Richten. Sicherlich sind ihm die Be-gegnungen mit den Kindern in den Sinn gekom-men, die er in die Mitte gestellt und mit denen er vielleicht sogar getanzt hat; die Begegnung mit der Ehebrecherin, die am Schluss allein vor ihm stand, und die er fragte: „Hat dich keiner verurteilt?“, denn alle – angefangen bei den Ältesten – hatten sich im Bewusstsein ihrer eigenen Sündhaftigkeit davon gemacht. Er wird an die vielen und schönen Blumen auf den Feldern seiner Heimat gedacht haben, an die Vögel am Himmel, für die der himmlische Vater sorgt, aber auch an die vielen kranken und elenden Menschen, derer er sich er-barmte und die geheilt und getröstet von ihm weggingen, denn er fühlte sich ja gesandt, damit sie das Leben in Fülle haben sollten, nicht einfach ein Dahinvegetieren; an die Huldigungen der Menschen, die ihn zu ihrem König machen woll-ten, nachdem sie von den Broten und den Fischen gegessen hatten, die er ihnen gab, bei denen er aber auch gespürt hat, dass es ihnen mehr um das Brot als seine Liebe zu ihnen ging; er wird an die Fangfragen gedacht haben, die man ihm gestellt hat, aber auch an die unzähligen Nachtstunden vertrauten Verweilens bei seinem Vater, in dessen Hand er sich zu allen Zeiten geborgen wusste. Und ganz bestimmt sind ihm auch die Momente in den Sinn gekommen, die ihm Trauer und Tränen verursacht haben, so als er beim Anblick der Stadt Jerusalem weinte, weil sie nicht erkannt hat, was ihr zum Frieden dient; oder auch beim Tod seines Freundes Lazarus und ganz besonders am Ölberg, wo er Todesängste ausstand, während seine Jünger schliefen, und sicherlich auch an den Moment, an dem sein erster Apostel sogar dreimal behauptete, ihn nicht zu kennen, nur weil er Angst hatte

Liebe Schwestern!
Mit all diesen Gedanken, die mir vor unserem Je-sus auf der Rast kommen, fühle ich mich von unse-ren Heiligen bestärkt und gerechtfertigt, wahr-scheinlich haben sie mir zu solchen Gedanken und somit zur Korrektur meines Bildes von Gott ver-holfen.
Ein geradezu einmaliges Beispiel in der gesamten geistlichen Literatur ist der fünfte Vers der zwei-ten Strophe der Lebendigen Liebesflamme unseres hl. Johannes vom Kreuz, die so lautet: y toda deu-da paga – und alle Schuld begleichet. Hier geht es nicht um Schuld, die der Mensch durch Fehlver-halten oder Versäumnisse auf sich geladen hätte und die er nun begleichen müsste oder die Jesus stellvertretend für alle Menschen begleicht, was zum Reden vom Sühnetod Jesu führt, vielmehr nimmt Juan die Perspektive Gottes ein und offen-bart damit einen weiteren wunderbaren Aspekt seines Gottesbildes: Gott weiß sich in der Schuld des Menschen und will diesem überreich alle Mü-hen und Nöte vergelten, die er auf dem Weg der Gottsuche auf sich genommen hat. Die dahinter stehende biblische Vorstellung ist nicht der Kreu-zestod Christi zur Sühne für die Schuld der Men-schen, sondern Gottes unermessliche Liebe und Barmherzigkeit. Juan schreibt (2,23): „So spricht die Seele, weil sie in der Köstlichkeit ewigen Le-bens, von der sie hier kostet, die Vergeltung für die Mühen sieht, die sie durchgemacht hat, um zu diesem Stadium zu kommen, wo sie sich nicht nur angemessen vergolten und vergütet, sondern so überreich belohnt sieht, dass sie gut versteht, wie wahr das Versprechen des Bräutigams im Evange-lium ist, dass er hundert zu eins geben wird (Mt 19,29). Somit hat es auf diesem Weg, den sie zu-rückgelegt hat, keine Bedrängnis, Anfechtung, Bußübung oder irgendwelche andere Mühsal ge-geben, die nicht schon in diesem Leben durch das Hundertfache an Trost, Beseligung usw. aufgewo-gen würde, so dass die Seele sehr treffend sagen kann: Und alle Schuld begleichet.“ Man könnte auch an das Gleichnis vom Herrn denken, der sei-nen treuen Knecht bei seiner Wiederkunft zum Verwalter seines ganzen Vermögens macht (Mt 24,45ff. par.). Gott lässt sich an Großmut nicht übertreffen; das ist die Botschaft Juans.
Teresa spricht u. a. bei der Kommentierung der ersten Worte des Vaterunsers Pater noster qui es in celis über ihr Bild von Gott: „Du, Sohn Gottes, mein Herr! Wieso gibst du mit dem ersten Wort so viel? Da du dich in so extremer Weise verdemü-tigst, indem du dich bei dem, was du erbittest, mit uns verbindest und Bruder eines so unzulängli-chen, erbärmlichen Wesens bist, warum gibst du uns dann im Namen deines Vaters alles, was man geben kann, denn du möchtest ja, dass er uns zu Kindern hat? Da dein Wort nicht trügen kann, muss es in Erfüllung gehen. Du machst es ihm zur Pflicht, es zu erfüllen, was keine geringe Aufgabe ist, denn da er Vater ist, muss er uns ertragen, wie schlimm auch immer die Verfehlungen sein mö-gen. Wenn wir uns ihm wieder zuwenden, muss er uns wie dem verlorenen Sohn verzeihen, und er muss uns in unseren Nöten trösten, wie es ein sol-cher Vater tut, der notwendigerweise besser sein muss als alle Väter dieser Welt, da in ihm nichts als alles Gute in Fülle sein kann. Er muss uns wohl verwöhnen, er muss für unseren Unterhalt sorgen – er hat die Mittel dazu – und uns nachher zu Teil-habern und Miterben mit dir machen“ (CE 44,2).
Beide Heilige sprechen nicht vom Sühnetod Jesu, sondern von der Liebe Gottes, des Vaters, die stärker ist als alles Versagen und Vertuschen, als Machtmissbrauch und Arroganz innerhalb und außerhalb der Kirche, die immer wieder zu Enttäu-schung, Resignation und bei vielen auch zum Aus-tritt aus der Kirche führen. Wäre doch dieses Bild von Gott mehr verbreitet, dann müsste niemand um sein Prestige und seine Karriere fürchten! Tere-sas und Juans Gott ermutigt, macht Hoffnung und eröffnet neues Leben. Er ist der Gott, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in dessen Hand sich Jesus immer geborgen wusste, auch auf der Rast, angesichts seines Leidens und Sterbens.
Er möge uns durch die erneute Feier des Triduum paschale in unserem Glauben und in unserer Liebe zu ihm und zu seiner Kirche stärken.
Frohe Ostern, liebe Schwestern, wünscht Euch, auch im Namen von P. Provinzial Raoul,
Euer
P.Ulrich

Hinweis: Ich bitte nochmals um evtl. Bestellungen des Am-bo-Buches (siehe den letzten TREFFPUNKT).


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